Prof. Dr. Hugo Picard

Hugo Picard, der jüngste Sohn von Salomon und Eugenie, wurde 1888 in Konstanz geboren (Bloch 1971, 204-205).   Er hat seine Dissertation 1913 in Heidelberg vorgelegt, hat aber auch in Berlin und München studiert (Fargeon, S. 42). Der Chirurg befasste sich mit dem Thema "Retrobulbäre Neuritis".

Unter der Internetadresse der Charite erfährt man , dass Hugo Picard, der 1926 Privatdozent und 1930 zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, dem am 1. September 1933 verabschiedeten Paragraphen 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zum Opfer fiel: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen..." Aber im Jahr 1933 gab es zunächst Erfreuliches zu erleben. Hugo Picard, inzwischen Leiter der neuen Poliklinik der Jüdischen Gemeinde Berlin und leitender Arzt der chirurgischen Abteilung, heiratete  Helene Obermann aus Schwelm (Landesarchiv Berlin, Einwohnermeldekartei). Hugo Picard ist zum letzten Mal im Jahr 1935 im Berliner Adressbuch unter der Wohnadresse Lützowplatz 23 zu finden.  Aber bereits 1934 hatte er durch Vermittlung der Hilfsorganisation CARA in London, einer Organisation für von den Nationalsozialisten politisch verfolgte Akademiker,  eine Stelle als "first class surgeon" im jüdischen Krankenhaus in Kairo angeboten bekommen. Im September 1934 verliessen die Picards auf der "Marco Polo" Venedig in Richtung Ägypten. In Kairo war das elegante und weltgewandte Paar bald eingebettet in eine Gruppe deutscher Exilanten wider Willen. Dazu gehörten der Ägyptologe Ludwig Borchardt und Max Meyerhof, der berühmten Mediziner, der 1945 in Kairo starb. Im Journal of the International College of Surgeons VIII (9) 1945 wurde Hugo Picards Tribut an den wohltätigen Augenarzt, der seine armen ägyptischen Patienten gratis behandelte und von ihnen zum Dank „Doktor Max“ genannt wurde, veröffentlicht. Der Aufsatz schließt mit dem Fazit:

"(Max Meyerhofs) Haus war ein Zufluchtsort für alle Asylsuchenden aus Europa, denen er stets bereitwillig Ratschläge und tätige Hilfe zuteil werden ließ. Sein Haus war ebenfalls ein Treffpunkt für Gelehrte aus allen Teilen der Welt... Er war unwillentlich ein Mediator zwischen Ost und West."

In der Villa des Ehepaars Borchardt in Kairo, die nur unter nervenaufreibenden Schwierigkeiten vor dem Zugriff Nazi-Deutschlands gerettet werden konnte, lebten die Picards von 1940 bis 1951.

Nach Kriegsende gab der Chirurg  Hugo Picard den Meldebehörden in Berlin, Konstanz und Zürich mit zahlreichen An- und Abmeldungen zu tun.  Hugo Picard hätte in den fünfziger Jahren einen Antrag auf Wiedergutmachungsleistungen in Berlin machen können. Seine Entlassung als "Nicht-Arier" in der Charite  wäre Grund genug hierfür gewesen. Das hat er laut den neuesten WGA-Unterlagen  aber nicht getan.

Hugo Picard verbrachte die Sommer in seinem Haus in Sils-Baselgia in der Schweiz, wohnte kurzfristig wieder in Konstanz, war zeitweise in Berlin und meldete sich dort 1953 wieder nach Kairo ab. Es liegt auch eine Abmeldung nach Bern vor.

Kairo muss für den renommierten Chirurgen Hugo Picard bis in die fünfziger Jahre hinein einer seiner Lebensmittelpunkte gewesen sein -  trotz der unsicheren politischen Lage. Das Königreich Ägypten wurde  während dieser Zeit unter großen Turbulenzen zur sozialistischen Republik unter Gamal Abdel Nasser.

Im Online Archiv des Leo-Baeck-Instituts gibt es im Nachlass des bekannten jüdischen Heimatdichters Jacob Picard einen überraschenden Fund.  Jacob Picard hatte sich nach dem Kriegsende auf die Suche nach den in der ganzen Welt versprengten Verwandten und Bekannten gemacht und  so auch die Adresse des weitläufig mit ihm verwandten Hugo Picard ausfindig gemacht.  So findet sich heute online in der Korrespondenz des Schriftstellers mit Verwandten eine Postkarte aus Sils-Baselgia datiert auf den 8. Juli 1953:

"Lieber Jacques, durch Bonner (unleserlich) wird mir endlich Deine Adresse mitgeteilt, sodaß wir wieder in Fühlung treten können. Wir leben immer noch in Cairo und sind jetzt im Sommer hier oben und sehen viele alte gemeinsame Freunde. Lass von Dir hören. Herzlichst Dein alter Hugo"

 

Wenige Wochen später gibt es eine weitere Postkarte aus der Schweiz. Dieses Mal gehört sogar der Bruder Ernst Picard zu den Unterzeichnern.  Ernst Picard wird auch im Jahr 1957 in einem Brief aus der Schweiz erwähnt. Die Brüder scheinen sich mehr oder weniger regelmässig  getroffen zu haben. In diesem Brief gibt es eine Kostprobe des Picardschen Humors. In Abwandlung des Soldatenliedes "Heute noch auf stolzen Rossen - morgen in die Brust geschossen" dichtet der Verfasser zu einem beigefügten Foto mit dem Hinweis auf eine Rückgradverletzung und ein Gipskorsett: "Anliegend noch auf stolzen Rossen - heute mit Gipskorsett umschlossen!"  Dieses Foto, das Hugo Picard hoch zu Ross in Cairo zeigt, ist tatsächlich im Jacob Picard Bildnachlass zu finden!

Hugo Picard starb 1974 in Zürich. Er wohnte zuletzt laut Auskunft des Zürcher Melderegisters in der Ackermannstrasse im Stadtteil Fluntern am Zürichberg.