Die Eltern: Salomon und Eugenie

Salomon hat laut Heirats-Neben-Register Wangen (Kreisarchiv Konstanz) 1885  seine Cousine Eugenie geheiratet . Beide stammen aus Wangen im Hegau, wo es eine Reihe blühender Landjudengemeinden gab. Ein Nachfahre dieser Landjuden, Semi Moore Moos, hat die Familien beschrieben und dem Konstanzer Stadtarchiv sein unveröffentlichtes Manuskript "Die Juden von Konstanz 1863 - 1940" überlassen. Über die Familie Picard schreibt er (Seite 56):

"Der älteste nachweisbare der Picard-Familien war Abraham, der Buchhändler mocher-sforim, von dem 1835 mein Urgrossvater das Buch der Psalmen in zwei Bänden kaufte, die ich noch habe. Er hatte zwei Söhne: Michael und Jacob, nach denen sich die beiden Familienzweige die 'Michels' und die 'Jikefs-Jacobs' nennen. Die Ersteren hielten sich für die vornehmeren. Doch unter den Jikefs fand ich eben so vornehme Charaktere... Michael hatte 3 Söhne, (davon kam) Abraham, der seine Landwirtschaft aufgab, als alter Mann nach Konstanz ..., wo ich ihn als ältesten der Gemeinde manche Jahre sah."

Auch der Schriftsteller Jacob Picard, ein weitläufiger Verwandter, beschreibt die beiden Familienzweige (Picard, S. 177):

"Jeder Familienkreis hatte seine eigenen physischen und auch geistigen Merkmale... Da waren zwei Linien unseres Namens, die Michels und die Jikels, die von zwei Brüdern abstammten, die einander feindlich gewesen waren. Wir gehörten zum letzteren Stamm und waren alle mehr dunkelhaarig, während unter den anderen sich oft rötlich blonde, gar übergroße Gestalten fanden. Eine gewisse Spannung war über das Jahrhundert hin immer zwischen den beiden Zweigen gewesen, ohne daß jemand recht wußte, woher sie kam, was die eigentliche Ursache war, bis wir Jüngeren meiner Generation, als wir in den Städten lebten, gute Kameraden wurden und vieles, Freud und auch manches Leid, miteinander teilten."

Salomon Picard muss "Liegenschaftshandel, meist in Zürich, erfolgreich" betrieben haben (Moore-Moos). Er, einer der Söhne Abrahams vom "vornehmeren" Teil der Picard-Familie erwarb 1887 das "erste Haus an der Grenze" am Kreuzlinger Zoll in Konstanz für 36 000 Reichsmark (Schätzung der Grundbucheintragung ). Nach Moore-Moos wurde er der "Baron" genannt. Erich Bloch  (1971, 114-115) zitiert einen Zeitzeugen, der nach seinen Angaben gut mit der Familie Picard befreundet war. Er berichtet:

"(Einer der Söhne) führte mich ...bei seinen Eltern ein. Der Vater hatte einen köstlichen Humor, die Mutter, die wie er aus Wangen stammte, war von echter Herzensgüte. Es war ein wohltuendes Milieu... Der Vater hatte sein eigenes Pferd im Stall, betreut vom Knecht Johann. Wenn seine Söhne mit ihm ausritten war es immer ein stattliches Bild."

Soweit die Aussagen von Zeitzeugen. Eigene Recherchen haben ergeben, dass es über Salomon Picard in den Ragionenbücher (Firmenverzeichnisse) als auch im Zürcher Register zum Schweizerischen Handelsamtsblatt keinen Eintrag gibt. Überraschend war hingegen eine Auskunft des Thurgauer Staatsarchivs. Salomon übernahm laut Firmenbuch und Beleg 337 (308) den Viehhandel seines Vaters Abraham im Jahr 1891 in Amlikon, einer kleinen östlich von Weinfelden an der Thur gelegenen Ortschaft . 1895 erfolgte die Löschung wegen Wegzugs. Salomon Picard muss also gemeinsam mit dem Vater fast jahrzehntelang Viehhandel betrieben haben. Immerhin so erfolgreich, dass er in Wangen als Bauherr und Hausbesitzer auftreten konnte - in der Hauptstrasse 37 (Helmut Fidler, S. 247; Tom Leonardt, S. 98-99). Der Verkauf des Hauses in Wangen ermöglichte dann wohl den Ankauf des Anwesens in der Kreuzlinger Strasse 68 und ein Leben als "Privatier". Ein Kredit an seine Neffen Hermann und Michael Wieler muss den Aufbau der Strumpfwarenfabrik Pius Wieler in Kreuzlingen ermöglicht haben. Das imposante Baudenkmal der Bahnhofstrasse ist heute eine Steiner-Schule.

Salomon Picard war in Konstanz ein guter Steuerzahler und durfte somit auch in der Kommunalpolitik mitreden: Aus den Adressbüchern der Stadt Konstanz geht hervor, dass er 1909 und 1913 Stadtverordneter war. Die Konstanzer Zeitung meldete am 15. Dezember 1915 seine Weihnachtsgabe für bedürftige Kinder in Höhe von 500 Mark. Religiöse Fragen hingegen spielten im Haus der Picards keine große Rolle. Salomon Picard hat (laut Bloch) nie ein Amt auf der Ebene  der Synagogengemeinde innegehabt. Der Findling als Grabstein zeugt davon, dass man in der Familie den Zeitgeschmack teilte: Eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übliche Hinwendung zum urigen Germanentum.   In "überschäumendem deutschen Nationalismus" entschieden sich seine Söhne für ein Jura- oder Medizinstudium, so erinnert sich Leo Picard (1996, S. 21), der als kleiner Junge seine Onkels und Cousins neidisch beobachtete:

"Als berüchtigte Degen- und Säbelfechter gegenüber den Satisfaktion verlangenden christlichen Studentenkorporationen waren sie Vorbilder meiner Knabenjahre, im Ersten Weltkrieg durch ihren Mut ausgezeichnete und vielfach hochdekorierte Soldaten."

Salomon Picard wurde am 14. September 1925 neben seinem Sohn Max begraben.

Seine Frau Eugenie, die mit 19 Jahren ihren ersten Sohn zur Welt brachte, wurde laut Semi Moore-Moos 1947 in Jerusalem begraben. Sie war nach dem Tod ihres Mannes 1931 nach Berlin gezogen und taucht dort in den Adressbüchern unter der Adresse ihres Sohnes Hugo am Lützowplatz 23 auf. Ab 1936 ist sie im Berliner Adressbuch nicht mehr zu finden. Der Verkauf des Hauses in Konstanz erfolgte laut Grundbucheintrag im Jahr 1935 an ein Geschwister-Trio aus dem Schweizerischen Nachbarort Tägerwilen. Nach dem Krieg seien Mitglieder der Familie in Tägerwilen aufgetaucht und hätten um einen Nachschlag zum eher niedrigen Verkaufspreis des Jahres 1935 gebeten, weiß die Tochter des Zahnarztes, der einer der Käufer war, zu berichten. Im Staatsarchiv Freiburg gibt es Unterlagen betreffend eine Restitutionsklage

Eugenie muss ihrem Sohn Ernst nach Palästina gefolgt sein. Nachweislich (Holtkotte) war sie möglicherweise 1938 zu Besucher 1938 bei ihrem Sohn Hugo in Kairo, wo sie als schwere Asthmatikerin  das  Klima nicht vertrug. Bisher war nicht herauszufinden, ob und wo Eugenie Picard nach ihrem Tod im Jahre 1948 in Tel Aviv in Jerusalem beerdigt wurde. Eine Beerdigung auf dem Ölberg-Friedhof hätte schlimme Folgen gehabt. 1948 erfolgte mit der Staatengründung Israels die Teilung Jerusalems. Der Ölberg liegt im Teil der Stadt, der bis 1967 zu Jordanien gehörte und für Israelis nicht zugänglich war. Der Sohn Ernst, der in Tel Aviv lebte, hätte das Grab der Mutter nicht besuchen können.  Der lange Zeit in Kairo lebende Sohn Hugo hingegen hätte diese Chance gehabt.

Ab 1887 lebte Salomon Picard im Haus in der Kreuzlinger Strasse 68 in Konstanz. 1935 verkauften die Erben Eugenie und Ernst Picard das Haus an den Tägerwiler Zahnarzt, der unter dieser Adresse seine Praxis hatte, um dem Nazi-Terror zu entrinnen.  Der bronzene Hirsch im Vorgarten, der verblüffende Ähnlichkeit mit dem Hirschen im Höllental bei Freiburg hat, war für alle Konstanzer bis in die siebziger Jahre eine Attraktion (Fotos: Hella Wolff-Seybold und Bodenseebilder)